Ältester Briefmarkensammlerverein Deutschlands


Streiflichter vom Besuch einer Briefmarkenweltausstellung – die NOTOS 2021 in Athen

Anlässlich der 160. Wiederkehr der Erstausgabe eines griechischen Postwertzeichens lud der dortige Philatelistenverband Mitte November in das Zappeion-Ausstellungszentrum nach Athen ein. Zwei „jugendliche“ Mitglieder des IPV 1877 hatten sich diesen Ausstellungstermin rechtzeitig vorgemerkt, und in einer coronagebremsten Phase etwa ein halbes Jahr vor Ausstellungsbeginn vergleichsweise günstige Flüge von Berlin nach Athen gesichert. Nachdem die Reiseleitung in den bewährten Händen des Sammlerfreundes Wünsche auch noch ein zentral gelegenes Hotel zu überschaubaren Kosten aufgetan hatte, war in der neuerlichen pandemischen Ausnahmesituation nur noch hinreichend Mut gefordert, das Abenteuer am Buß- und Bettag 2021 auch wirklich zu wagen …



Der zur Ausstellung verausgabte Sonderblock zeigt die Druckstempel der ersten griechischen Briefmarke mit dem charakteristischen Hermeskopf-Motiv. Mit 4,80 € Nominale allerdings weder ein Schnäppchen noch übermäßig frankaturfreundlich …

Um das gleich vorweg zu nehmen: Das Experiment ist geglückt, wir mussten unseren Entschluss zu keiner Zeit bereuen und sind nach einer Woche gesund mit einer Fülle an Eindrücken wieder in der Heimat gelandet. Aber hübsch der Reihe nach. Erstes Erstaunen – auf den Namen Willy Brandt werden nicht, wie etwa 2014 erlebt, nur Flugtickets ausgestellt – dort heben jetzt tatsächlich auch Flugzeuge ab. Zum Beispiel voll besetzte Ryan-Air-Maschinen, die dann drei Stunden später bei spätsommerlichen Temperaturen und bedecktem Himmel in Athen landen.

Der Athener Flughafen begrüßte und beglückte uns mit einem vermeintlichen Anachronismus. Dort gibt es doch tatsächlich auch im Jahr 2021 nach Christus noch immer ein Postamt – und das hatte sogar geöffnet! Im nu waren unsere ersten Euros in attraktive Postwertzeichen umgerubelt und unser Reiseziel auf dem Balkan hatte schonmal erste Pluspunkte gesammelt.

Vom Flughafen vor den Toren der 3 ½ Millionen-Metropole bringt einen die Metro in weniger als einer Stunde bequem ins Stadtzentrum und auch unser Hotel fanden wir ohne Umwege und fremde Hilfe keine 300 m von der Metrostation entfernt. Noch am Anreisetag haben wir per pedes die weltberühmten Ruinen auf dem Akropolishügel inmitten des Stadtzentrums aus nächster Nähe bestaunt und abgelichtet.

Ein Zweitfoto folgte dann am Abend von der Dachterrasse unseres Hotels, wo man aus der Bar in der 7. Etage zu geistigen Getränken einen wundervoll freien Blick auf das von Strahlern perfekt in Szene gesetzte Parthenon genießen kann.

Parthenon - unten, auf einer Ganzsache aus Rumänien




Blick von unserer Hotelterrasse auf die beleuchtete Akropolis bei Nacht



Erechtheion (auf der Akropolis) mit Sonderstempel der NOTOS 2021

Da die Ausstellung erst am übernächsten Tag ihre Pforten für Besucher öffnete, ging es am Folgetag zunächst mit einem Hop-on-hop-off-Doppel-deckerbus auf die „Riviera-Route“. Die führt zunächst von Athen geradewegs nach Piräus, was quasi ein direktes Anhängsel der Hauptstadt ist, etwa so wie Heidenau unmittelbar an Dresden angrenzt. Nachdem das dortige Hafenviertel besichtigt war, führte die Route vorbei an unzähligen Marinas voller Segelyachten entlang der Küste bis zum Vouliagmeni-See. An diesem unaussprechlichen Thermalsee ist der Endpunkt der Sightseeing-Tour erreicht, der Bus wendet und fährt auf nahezu gleicher Strecke zurück.



Foto der eindrucksvollen Kulisse mit der steil aufragenden Felswand als Begrenzung des Badesees. unten: der Vouliagmeni-See aus der Sonderausgabe „Griechische Thermalbäder“ aus dem Jahr 2015


Mit Badehose und Handtuch bewaffnet haben wir dort den Bus verlassen, um das Thermalbad zu stürmen. Sah von oben auch durchaus einladend aus, hielt allerdings seit dem 8.11. Winterschlaf bzw. hatte wegen angeblicher Sanierung geschlossen. Solche Tiefschläge können weitgereiste Briefmarkensammler natürlich nicht entmutigen. Wir haben einfach die Straßenseite gewechselt und fanden uns oberhalb einer reizvollen kleinen Badebucht wieder, bevölkert von ausnahmslos einheimischen Sonnenanbetern. Also Abstieg ins Getümmel am Sandstrand und ab ins Meer – ist eh viel erfrischender als das laue, angeblich auch nur 24 °C warme „Thermalwasser“ …

Am Freitag war es dann endlich soweit – pünktlich 12:00 Uhr stand die Ausstellungs-eröffnung auch auf unserem Programm. Zuvor sollte es per Metro noch ins nahegelegene Hauptpostamt gehen, wo wir uns am Philatelieschalter aufmunitionieren wollte. Dazu kam es allerdings nicht, denn die Metro, welche uns zum Syntagmaplatz bringen sollte, fuhr nicht. Vermutlich ein Streik des Fahrpersonals, welcher uns Ausgaben für Fahrkarten ersparte und zu einem Fußmarsch zum Nationalgarten verhalf.



Hauptpost von Athen, am rechten Bildrand befindet der Philatelie-Schalter

Der Nationalgarten ist die grüne Lunge Athens und am ehesten wohl mit unserem Großen Garten vergleichbar. Und wie es der Zufall will, geht auch seine Anlage auf ein Königshaus mit deutschen Wurzeln zurück. Amalie von Oldenburg, Gattin jenes Wittelsbachers, der als Otto I. 1833 von fremden Großmächten zum ersten König Griechenlands gekrönt wurde, gibt die Gartengestaltung vor den Toren des seinerzeit eher dörflichen Athens in Auftrag.

Inmitten dieses Nationalgartens erhebt sich ein eindrucksvolles klassizistisch anmutendes Bauwerk - das Zappeion. Fertiggestellt 1888 anlässlich der vierten Griechischen Olympiade (einem nationalen Vorläufer und Vorbild der I. Olympischen Spiele der Neuzeit von 1896), verdankt es seinen Namen dem edlen Spender, der auch auf einer griechischen Sondermarke im Porträt Platz findet. Bevor der in ausgezeichnetem Zustand befindliche Rundbau 2021 eine Weltbriefmarkenausstellung beherbergt, diente er bei der Olympiade 1896 bereits als erstes „olympisches Dorf“, und bot damals rund 500 Sportlern und Betreuern Unterkunft.

Der sehr attraktive runde Innenhof war übrigens 1896 zudem Austragungsort der olympischen Fechtwettkämpfe. Und es sind nur wenige hundert Meter die das Zappeion vom Olympiastadion trennen, auf dessen Marmortraversen immerhin 60.000 Zuschauer Platz finden. Nachdem dieses antike Stadion mit seiner charakteristischen Hufeisenform für die Olympiade 1896 von einem weiteren griechischen Großsponsor, Herrn AVEROFF, für sehr viel Geld auf Vordermann gebracht wurde, diente es bei der Olympiade 2004 neuerlich als Zielankunft des Marathonlaufs und war zudem Austragungsort der Wettkämpfe im Bogenschießen.

Das Panathenaic-Stadion mit seinem extrem engen Kurvenradius und der nur 183 m langen Laufbahn ist so berühmt und markant, dass es auch auf nicht-griechischen Briefmarken Würdigung findet - und ob man‘s glaubt oder nicht, sogar auf einem DDR-Sonderpostwertzeichen ...

Ohne finanzkräftige Gönner wie ZAPPEI oder AVEROFF (links) hätte sich die Idee des französischen Barons Pierre de COUBERTIN von der Wiederbelebung antiker Sportspiele in Athen als ein friedliches, weltweit völkerverbindendes Spektakel nicht realisieren lassen, hatte doch der griechische Staat 1895 Bankrott anmelden müssen. Und bekannter Maßen war es ja nicht zuletzt die Ausgabe der weltweit ersten „Sport-Briefmarken“, die ebenfalls einen erklecklichen finanziellen Betrag zur Realisierung dieser Sportspiele beitrug.

Von daher ist es kein wirkliches Abschweifen, wenn ich vom Eröffnungstag der NOTOS 21 gerade unvermittelt bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit gelandet bin. Zumal als wesentliche Quelle der vorstehenden Zeilen das Briefmarkenexponat „Athen 1896 – Die Rückkehr der Olympischen Spiele“ des deutschen Ausstellers Rüdiger FRITZ zu nennen ist - für mich das absolute Highlight dieser Weltausstellung. Tolles Material, eine Fülle von Informationen und ein raffinierter „roter Faden“, der sich am Besuch und den Arbeiten des einzigen offiziellen deutschen „Presse-Fotografen“ der Olympiade 1896 entlang hangelt (Bestes Exponat Open Philately, Groß Gold 95 Pkt.).

Womit zugleich der Beweis erbracht ist, dass wir uns während des Athen-Kurzurlaubs auch mit den Ausstellungsexponaten eingehend beschäftigt haben. Mein Urteil muss freilich ein sehr subjektives bleiben, da selbst die komplette Verweildauer während der viertägigen Öffnung der Ausstellung niemals gereicht hätte, um die mehr als 285 Exponate in den 1.400 Rahmen (zu je 16 Blatt) dieser Weltausstellung mit Ausstellern aus immerhin 44 Ländern eines hinreichenden Blicks zu würdigen. In einem Extrabereich der Ausstellung war ein Großteil der 117 Literaturexponate für jedermann zugänglich. Die international besetzte Jury vergab 17 Großgold- und 45 Goldmedaillen, was das hohe Niveau dieser Ausstellung unterstreicht.


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Die Exponate wurden in attraktiven Räumen präsentiert. Die Lichtverhältnisse waren sehr gut.

Für uns zwei „Amateur-Philatelisten“ stand allerdings nach einem ersten Komplett-durchlauf der 16 Ausstellungsräume das ernüchternde Fazit: kein einziger Händlerstand weit und breit …

Dies hatte dann erheblichen Einfluss auf die Umplanung unseres Besuchsprogramms der Folgetage. Denn nachdem wir Freitagabend noch der offiziellen Ausstellungseröffnung auf der imposanten Freitreppe des Zappeion bei einem Gläschen Weißwein und sehr nettem Smalltalk mit einem amerikanischen Ausstellungsbesucher beiwohnten, musste die Ausstellung mangels „Wühlkisten“ am Samstag und Sonntag glattweg ohne unseren Besuch auskommen.

Wie es sich für kulturbeflissene Athenbesucher geziemt, arbeiteten wir an diesen beiden Tagen so viele Sehenswürdigkeiten als irgend möglich ab. Am Samstag zu Fuß einmal quer durch die Innenstadt bis zu der mit 277 m höchsten Erhebung Athens, dem Lycabettus-Hügel. Da Lycabettus sinngemäß der „Pfad der Wölfe“ bedeutet, haben wir die sicherere Variante gewählt und dann, bereits ordentlich fußlahm, den Berg mit Hilfe der Standseilbahn erklommen, um den phantastischen Rundumblick auf die griechische Metropole, immerhin Heimstätte jedes dritten Griechen, zu genießen.


Lycabettushügel (Wolfsberg)   +  Blick vom Lycabettushügel Richtung Meer

Während die Großstadtbesiedlung den Berg quasi in alle Richtungen umschließt, reicht der Blick im Westen bis zum Meer, in dem justament die Sonne in geradezu kitschigen Orange- und Rosatönen versank. Vom „schönsten Aussichtspunkt Athens“ hatten wir auch noch einen herrlichen Blick auf die niedriger gelegene Akropolis, die in der einsetzenden Dämmerung bereits dezent angestrahlt wurde.



Deckel eines Markenheftchens mit einem Luftbild der Akropolis

Sonntag stand dann die Innenstadt-Hop-on-hop-off-Bustour auf unserem Programm. Deutlich fuß-schonender als der Vortag, zugleich aber sehr informativ, insoweit man sein Headset korrekt eingestöpselt hatte, um dem deutschsprachigen Kanal zu lauschen. Eine Aufzählung all der Sehenswürdigkeiten auf dem Rundkurs spare ich mir an dieser Stelle, das wäre für Nicht-Athen-Beflissene auf Dauer mit Sicherheit eine eher langweilige Zumutung. Als besonders attraktiv sei zumindest das sich entlang einer der Hauptverkehrsmagistralen erstreckende Ensemble von Akademie, Universität und Nationalbibliothek erwähnt.


Zwei vermeintlich urgriechische Architektur-Idole – Athener Nationalbibliothek (rechts) und Universität (mitte + links) – Werke eines dänischen und eines deutschen Architekten

Der Montag bot die letzte Chance auf einen Ausstellungs-Rundgang. Diese Chance mussten wir schon deshalb wahrnehmen, weil uns eine schriftliche Einladung der Royal Philatelic Society London zur Abschlussveranstaltung der NOTOS 2021 vorlag. Da Schlips und Smoking zu Hause geblieben waren, hatten wir zumindest am Samstag bereits Ausschau nach einem Friseurgeschäft gehalten und waren so bei einem alternativ-hippen Athener Barbier gelandet – ein echtes Erlebnis. Derart gestylt hofften wir, inmitten der honorigen Herren (es wurden auch ca. drei Damen gesichtet!) nicht gar so negativ aufzufallen.

Bei einem Gläschen Wein wurde kurz nach 14:00 Uhr in völlig zwangloser Runde und in bestem Oxford-Englisch den griechischen Organisatoren der Ausstellung gedankt sowie Werbung für die Royal Society und deren im Februar 2022 in London geplante nächste Weltausstellung gemacht. Es folgte der ausdrückliche Hinweis, dass diese Ausstellung ungeachtet aller Pandemie in jedem Fall stattfinden wird!!! Die Berichterstattung aus London müsste dann allerdings bitte ein anderer Sammlerfreund übernehmen – Thomas und der Autor dieser Zeilen haben sich nicht nur wegen Corona bereits gegen einen Philatelie-inspirierten Aufenthalt auf der Brexit-Insel ausgesprochen …

Damit könnte ich eigentlich schließen, aber ein kleiner Nachschlag sei mir noch gestattet. Am Dienstag, unserem letzten Urlaubstag in Athen sind wir auf getrennten Pfaden unterwegs gewesen. Thomas ist mit der Straßenbahn nach Piräus gefahren, um den weltweit letzten seetüchtigen Panzerkreuzer namens „GEORGIUS AVEROFF“ (spätestens hier kann man seinen Bildungserfolg überprüfen - war nicht von dem Herrn andernorts hier schonmal die Rede?) seine Aufwartung zu machen. Das Schiff wurde 1910 in Livorno auf Bestellung der königlichen italienischen Marine als viertes Schiff der Pisa-Klasse auf Kiel gelegt.

Aber bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es um die italienischen Staatsfinanzen offenbar nicht so gut bestellt, denn der Auftrag wurde aus Kostengründen storniert. Ein Glücksfall für die griechische Marine, die dringend ihre völlig veraltete Flotte modernisieren musste um ihre Stellung als Seemacht auf dem Balkan zu behaupten. Der am 1. September 1911 in Dienst gestellte Panzerkreuzer ist 140 m lang und 21 m breit. Mit den beiden Dampfmaschinen die von 22 kohlebefeuerten Kesseln angetrieben wurden erreichte das Schiff eine Höchstgeschwindigkeit von 23,5 kn (44 km/h). Als größtes Kriegsschiff der Königlich Griechischen Marine avancierte es sofort zum Flaggschiff und behielt diesen Status 41! Jahre bei. Benannt ist es nach dem griechischen Geschäftsmann Georgius Averoff, der es als Kaufmann zu einem stattlichen Vermögen brachte. In seinem Testament verfügte er, dass 20% seines Erbes (8 Millionen Drachmen, entsprach 1/3 des Kaufpreises) zum Kauf eines Kriegsschiffes verwendet werden sollen.



 Die „GEORGIUS AVEROFF“ liegt seit 1984 als Museumsschiff in der Trocadero Marina am Rande Athens und wird weiterhin von der Marine verwaltet.

Ich stürzte mich zu Fuß nochmal ins Innenstadtgewimmel unter all die Touristen und einheimischen Schnäppchen-Jäger (Stichwort Black Friday).  Auf meiner to-do-Liste für diesen allerletzten Tag stand neben einer Reihe weiterer Sehenswürdig¬keiten u.a. der Besuch des Zentralmarktes. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich weder den Zentral- noch den Blumenmarkt gefunden habe. Aber dafür auf dem Weg dorthin völlig unverhofft einen Briefmarken-Laden, dem ich dann zwangsläufig einen längeren Besuch abstatten musste … Und dabei hatte man uns auf der NOTOS 2021 unsere Frage nach Briefmarkenhändlern - wenn schon nicht auf der Ausstellung, so doch irgendwo in der griechischen Metropole – mit dem Hinweis beschieden: Solche Läden gäbe es nicht mehr, das lohne einfach nicht mehr, es gäbe doch auch kaum noch aktive Sammler …

Mit meinen Zeilen konnte ich hoffentlich das Gegenteil beweisen.

Heiko Weber, IPV

 


zwei frisch frisierte „Jungphilatelisten“ zeitgemäß mit Selfie vom Lycabettushügel