Ältester Briefmarkensammlerverein Deutschlands

Ein Einschreibbrief aus Schandau...

(vorgestellt von Thomas Wünsche, IPV)

Der Beleg des Monats ist diesmal ein Einschreibbrief vom 31.07.1929 gelaufen innerhalb der Sächsischen Schweiz von Schandau nach Stadt Wehlen. Der Beleg ist zwar ganz hübsch, aber eigentlich nichts besonderes - oder???



Einschreibbrief vom 29.07.1929 von Schandau nach Stadt Wehlen


Bekanntlich trägt der Aufgabeort des Briefes heute die Bezeichnung "Bad Schandau". Bei Wikipedia erfährt man, dass die Stadt seit 1920 den Zusatz "Bad" trägt.

Also hat die sonst so sorgfältige Deutsche Reichpost ein Jahrzehnt gebraucht, um alle Stempel und Einschreibzettel zu ändern??? Kaum zu glauben!

Ein Einschreibbrief wird ja in der Regel beim Postamt aufgegeben und bei der Berechnung des Portos unterlaufen den Postbeamten äußerst selten Fehler.

Laut dem "Michel Postgebühren-Handbuch Deutschland" wird 1929 für die Zusatzleistung "Einschreiben" eine Gebühr in Höhe von 30 Pfennig fällig. Der Brief im Inlandsverkehr kostete, je nach Gewicht, zwischen 15 (bis 20g) und 40 Pfennigen (bis 500g). Egal wie schwer der Brief war, man kommt in keiner Gewichtsstufe auf die frankierten 1,10 Mark. Also doch falsch berechnet???

Vielleicht helfen ja die zur Frankatur verwendeten Marken weiter... Der Brief ist frankiert mit einer Brustschild-Marke zu 50 Pfennig (MiNr.: 146) und 2 Sondermarken zu 30 Pfennig (MiNr.: 110),  die zur Eröffnung der Nationalversammlung in Weimar 1919 herausgegeben wurden. Alle Marken 3 Marken erschienen Anfang 1920. Aber, die beiden Marken zur Nationalversammlung waren nur bis zum 31.10.1922 gültig!

Das ein Postbeamter ein Porto falsch berechnet, ok kann einmal vorkommen. Aber das er ungültige Postwertzeichen vorrätig hat und auf einem Einschreibbrief verklebt - UNMÖGLICH.

Also zurück zum Porto, wie kommt man in der Zeit vom Februar 1920 bis Oktober 1922 auf 1,10 Mark? Ab dem 06.05.1920 kostete das Einschreiben 50 Pfennige (entspricht der Brustschildmarke). Für einen Brief von 20-250g wurden zur gleichen Zeit 60 Pfennig fällig. Hurra, macht zusammen 1,10 Mark!!!

Der Postbeamte hat das Porto völlig richtig berechnet, aber das Datum seines Stempels war falsch eingestellt! Der Brief wurde nicht am 31.07.1929 aufgegeben, sondern am 31.07.1920!!! Die letzte Stelle der Jahreszahl war falsch eingestellt oder verrutscht...

Ist Philatelie nicht interessant???